Jeder fünfte Jugendliche zeigt Symptome einer Essstörung und schon Grundschüler fühlen sich zu dick: Die Sprösslinge haben an kranken Schönheitsidealen schwer zu schlucken. Magersucht und Bulimie können die Folge sein.
Morgens ein Glas Mineralwasser und eine Handvoll grünen Salat, abends fettarmer Naturjoghurt: Das ist alles, was die 15-jährige Serena aus Brandenburg Tag für Tag zu sich nimmt. In Wirklichkeit heißt sie anders und vielleicht isst sie in Wirklichkeit auch noch etwas anderes. Doch in diesem Internet-Forum, in dem die Schülerin von sich erzählt, wird das „Nicht-Essen“ verherrlicht. Da macht es sich nicht gut, sich als Liebhaber knuspriger Fritten oder üppiger Sahnetorte zuouten. Magersüchtige Mädchen zelebrieren hier ihre Krankheit, „motivieren“ sich online mit Durchhalteparolen und goldenen Regeln“: „Dünn sein ist wichtiger als gesund sein“, heißt es darin oder „Du bist nie zu dünn“ oder auch „Ich darf nicht essen ohne mich schuldig zu fühlen“.
Online-Beistand beim Hungern – Das Ziel: 46 Kilogramm
Kaum essen, viel joggen und Appetitzügler“: So will Serena ihr Ziel erreichen, 46 Kilogramm zu wiegen, bei einer Größe von 1,77 Meter. Sieben Kilo trennen sie noch davon. An ihrer Essstörung stört sie nichts, „nur ausreden finden ist manchmal schwer“, schreibt sie in ihrem Online-Steckbrief. Auch als krank empfindet sich Serena nicht, nur als „kontrolliert“.
Ein anderes Mädchen meint in ihrem Internet-Beitrag: „Ich könnte nicht ohne das leben. Es gibt mir Halt. Es verwirklicht irgendwie meinen Traum von einem Leben in eigener Perfektion“.
In Anlehnung an die medizinischen Fachbegriffe für Magersucht, Anorexia nervosa, und für Ess-Brech-Sucht, Bulimie, sprechen die Teenager von ihren "Freundinnen Ana und Mia“. Unter dem Schlagwort „Ana till the end“ nehmen einige sogar den Tod in Kauf. Experten fürchten die Pro-Ana- oder Pro-Mia-Seiten im Internet als Brutstätte für die Ausbreitung der Krankheit. Auch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat sie im Visier und geht dagegen mit Sperrungen vor. Doch einen Überblick zu gewinnen, ist schwierig. Denn häufig ziehen die Seiten im Web um. Fachleute gehen von einer ständig steigenden Zahl aus.
Von wegen verfetteter Nachwuchs: Ein Pummel kommt auf drei Dünne
Hungernde Mädchen in unserer Wohlstandsgesellschaft: Dieses Bild passt kaum zur allgemeinen Vorstellung vom verfetteten Nachwuchs, dafür aber zu anderen Zahlen: Nach einer WHO-Studie sind nur knapp sechs Prozent der 11- bis 15-jährigen Mädchen übergewichtig, aber mehr als 17 Prozent untergewichtig. Und nach einer Untersuchung des Robert Koch-Instituts von 2007 zeigt jeder fünfte Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren Symptome einer Essstörung. Das sind etwa 1,4 Millionen Kinder. Mit 17 Jahren ist davon fast jedes dritte Mädchen betroffen. Die Hälfte der Mädels, die genau das richtige Gewicht haben, fühlt sich zu dick.
Essen, wenn man hungrig ist und aufhören, wenn man satt ist, sich wohl fühlen im eigenen Körper: Das ist für viele Kinder und Jugendliche keineswegs selbstverständlich. Und das Unbehagen mit der Figur beginnt schon vor der Pubertät: Von den Acht- bis Zwölfjährigen wäre jedes dritte der normalgewichtigen Kinder lieber dünner, so eine weitere Studie.
Die Zahl Betroffener, die an Anorexie, Bulimie und an anderen Essstörungen leiden, kann nur geschätzt werden. Man geht davon aus, dass heute etwa eine von hundert Mädchen und jungen Frauen im Verlauf ihres Lebens an Magersucht erkrankt, am häufigsten zwischen 14 und 16 Jahren. Für die Bulimie beträgt der Anteil mindestens zwei Prozent. Sie beginnt oft zwischen 16 und 19 Jahren, häufig als Folge der Magersucht oder auch in Kombination. Die Grenzen sind fließend. Wie bei Serena aus dem Internet- Forum, die hin und wieder vom Hunger überwältigt wird: „Nach Fressattacken dann Kotzen“, bekennt sie. Nach anderen Zahlen sollen sechs Prozent aller Frauen zwischen 15 und 35 Jahren an Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie leiden. Der Anteil von Männern unter den Erkrankten liegt bei etwa zehn Prozent.