„Ich welle, ich ziehe, ich hoffe, ich staune und – verzweifle! Meine Hände formen Knödel, Figuren, Fladen und Löcher. Aber es ist nichts dabei, worin man auch nur einen halben Apfel einwickeln könnte.“
Mehlspeisen sind die köstlichste Verführung, seit ein Blitzschlag den Menschen das Feuer geschenkt hat. Buchteln, Zwetschgenknödel, Kaiserschmarrn, Apfelstrudel – das sind die eigentlichen Zutaten für die Überlegenheit des Südens. Darum haben wir die klügsten Kinder, die wenigsten Kriminellen, die höchsten Berge und die besten Firmen. Und darum sollten wir alle die wichtigsten Grundrezepte beherrschen – zum Ruhme unseres Volkes und zur Verzückung unseres Gaumens.
Meine Übung in dieser Woche: Ausgezogener Apfelstrudel, Grundrezept 1031 im „Bayerischen Kochbuch“ von Oberregierungs- Landwirtschaftsrätin a. D. Maria Hofmann. Ich schlage optimistisch die entsprechende Seite auf und bekomme im selben Moment einen Knüppel zwischen die Beine. „Soll ich das nicht machen? Du kannst draußen das Planschbecken einwintern“, sagt meine Frau. Ein wenig sehr direkt fügt sie hinzu, dass so ein Strudel in der Zubereitung eine ziemlich delikate Angelegenheit sei.
Jetzt erst recht! Ich schmeiße alle raus und lege infernalisch los. Der Mixer treibt jammernd den Teig durch die Knethaken, in einem kleinen Topf blubbert die zerlassene Butter, wie in Trance schnipseln meine Hände ein Kilo Äpfel für die Fülle, der Ofen läuft sich warm. Über der ganzen Szenerie liegt feiner Mehlstaub. Es ist schön, wie die Dinge sich entwickeln. Aber irgendwann soll der Teig laut Kochbuch so glatt, elastisch und zart sein, dass er auf dem Brett „Zungen wirft“. Häää ?? Wer wirft womit und wohin? Ach, was soll’s!
Nächster Schritt: „Den leicht ausgewellten Teig erst mit dem Handrücken und schließlich mit flacher Hand sehr dünn ausziehen.“ Ui! Ich welle, ich ziehe, ich hoffe, ich staune und verzweifle. Meine Hände formen Knödel, Figuren, Fladen und Löcher. Aber es ist nichts dabei, worin man auch nur einen halben Apfel einwickeln könnte. Na schön. Dann halt mit Gewalt.
Ich tänzle auf Zehenspitzen, atme tief ein, lasse mich fallen und mache die Masse mit dem Nudelholz platt. Jetzt die feine Fülle drauf, aufrollen und mittags das eiserne Küchenkreuz zum Servieren an die Brust heften. Doch der Teig ist gegen mich. Jetzt klebt er am Tuch, auf dem ich ihn ausgerollt habe. Wie verschweißt. Katastrophe! Meine Frau muss helfen. Gemeinsam hieven wir das Gemenge mit vier Schabern in die Raine. Aber – und meine ganze Familie ist Zeuge: Dieses Teigschiff mit Pampe drauf schmeckte letztlich ganz hervorragend.
Warum es dennoch kein Happy End gab? Erinnern Sie sich an das Tuch mit dem Teig. Ich wusch es, zusammen mit vielen anderen schmutzigen Sachen. Als ich die Wäsche aus der Trommel holte, war das Tuch ein wenig sauberer. Aber mein mystischer Teig hatte sich auf sämtlichen anderen Textilien verteilt. Kleine Kugeln klebten an Unterhosen, Handtüchern und Waschlappen. Es gibt so verdrießliche Tage. Da tut man sich richtig schwer, zu einem überlegenen Volk zu gehören. ●