Neues Glück auf den Trümmern einer gescheiterten Beziehung – das erhoffen sich Patchworkfamilien. Doch der Alltag mit Streit, Eifersucht und Rivalität macht vielen zu schaffen. Damit aus dem „Flickwerk“ ein harmonisches Ganzes wird, muss jeder seinen Platz darin finden.
Am Anfang einer Patchworkfamilie steht immer eine neue große Liebe – so groß, dass zwei Menschen zusammenleben wollen. Der Glaube an dauerhaftes Glück begleitet die Liebenden und legt die Messlatte hoch: „Jetzt machen wir es richtig“, sagen sie sich. Ist es doch für mindestens einen der beiden der zweite Anlauf auf dem Weg zur Traumfamilie – oder der dritte. Bei solch hohen Erwartungen wiegt jedoch jedes Problem doppelt. Gleichzeitig haben es junge Stieffamilien schwerer, sich zu stabilisieren, als „gewachsene“ Familien. „Neid, Eifersucht, Kon-kurrenzdenken, Positionskämpfe, das gibt es überall.
Doch in Patchworkfamilien tritt dies räumlich und zeitlich zugespitzt auf“, sagt die Diplom-Psychologin Katharina Grünewald, die sich auf die Beratung dieses besonderen „Familienmixes“ spezialisiert hat. Denn hier stürmt alles auf einmal auf die zusammengewürfelten Familienmitglieder ein: Das frisch verliebte Paar hat keine Phase der Zweisamkeit, die Kinder sind gleich da. Der Familie an sich fehlt ebenso wie Stiefelternteil und Nachwuchs die gemeinsame Geschichte, die Bindung schafft: Die Geburt, die durchwachten Nächte, die Freude über die ersten eigenen Schritte, über das erste „Mama“ und „Papa“, gemeinsame Erlebnisse, der aufregende erste Schultag. „Die Gefühle haben keine Zeit sich zu entwickeln. Sie passen deshalb oft nicht zur Lebensphase“, meint Katharina Grünewald.
Und Gefühle sind da oder eben nicht: Petra Baudler* lebt seit vier Jahren mit ihrem leiblichen 14-jährigen Sohn und den beiden 15- und 18-jährigen Töchtern ihres zweiten Ehemannes zusammen. „Ich habe die beiden Mädchen von Herzen gern“, sagt sie, „aber typische Muttergefühle empfinde ich nur für meinen Sohn“. Sie nehme ihm auch Dinge nicht übel, die sie den Stieftöchtern vorhalte, gibt sie zu.