Liebe Leser,
im gerade verklungenen Schillerjahr ist immer wieder auch dem deutschen Ideal von Freundschaft gedacht worden, wie es in Schillers Bürgschaft ja einen bewegenden Ausdruck gefunden hat. Man kann diese idealisierte Form von Freundschaft als antiquiert abtun oder aber sich von ihr berühren und inspirieren lassen und versuchen, die eigenen Freundschaften zu hinterfragen und ggfs. zu vertiefen. Dass solche Bemühungen – angesichts der Herausforderungen, denen Männer heute ausgesetzt sind – durchaus sinnvoll sind, werden wir noch darzustellen haben. Der 1. Teil dieser Betrachtung möchte Sie zunächst thematisch etwas einstimmen.
Robert Habeck ist nicht nur seit 2004 Landesvorsitzender der Grünen in Schleswig-Holstein und Vater von vier Söhnen – er hat auch ein Buch über die Verwirrungen des modernen Vaterseins geschrieben. Gute Gründe für papaextra, ihm einige Fragen zu stellen.
Einen guten Jahresanfang wünscht
Ihnen Ihr Joachim E. Keding
Teil 1
Seit einigen Jahren wird das Thema „Männlichkeit heute“ in vielfältiger Weise immer wieder neu thematisiert. So unterschiedlich die Quellen und Medien auch sind, eines wird deutlich: das tradierte Rollenverständnis des Mannes steht auf dem Prüfstand. Das Schöne, gleichzeitig aber vielleicht auch Beunruhigende an diesem Phänomen ist, dass es künftig immer weniger allgemeingültige Regeln für die „Rolle als Mann und Vater“ wird geben können. Vor diesem Hintergrund erfährt auch die Freundschaft unter Männern/Vätern neue Bedeutung. Denn die Individualisierung, wie sie gefordert ist, braucht für ihre gesunde Entwicklung das Du, in mancher Hinsicht besonders das gleichgeschlechtliche Du. Eines ist unübersehbar und von Forschern inzwischen bestätigt: Frauen lernen schneller und leichter von anderen Frauen. Sie sind in puncto Freundschaft mit dem gleichen Geschlecht höchst erfahren und profitieren davon meist in hohem Maße. Anders noch bei Männern. Zwar gilt für sie das Gleiche wie für Frauen. Es fehlt aber vielfach an Neigung und Praxis, sich in ganz persönlichen Entwicklungsfragen anderen Männern anzuvertrauen.
Um ein typisch männliches „Muster“ deutlicher zu machen, dazu eine kleine Geschichte von Steve Biddulph:
Zwei Farmer stehen im staubigen Hof vor dem Wohnhaus. Der eine, Nachbar des anderen, ist herübergekommen, um „Auf Wiedersehen“ zu sagen, der andere sieht zu, wie seine letzten Möbelstücke auf einen Laster gepackt werden. Die Farm sieht verlassen aus – das Vieh und die Maschinen sind verkauft. Zwei halbwüchsige Jungen stehen neben dem Wagen, die Frau ist bereits eingestiegen, den Blick gesenkt.
Die beiden Männer haben dreißig Jahre lang nebeneinander gewirtschaftet, Buschfeuer bekämpft, sie sind mit kranken Kindern durch die Nacht gefahren, haben literweise schwarzen Tee zusammen getrunken und dazu Kekse gegessen und sich wechselseitig um die Frau und die Kinder des anderen gekümmert, als handle es sich um die eigene Familie. Sie haben gute und schlechte Zeiten miteinander durchlebt. Jetzt muss der eine fortziehen – seine Farm ist pleite. Er wird fortan in der Stadt wohnen und von dem Geld leben, das seine Frau als Putzhilfe in irgendwelchen Motels verdient.
„Also“, sagt der Nachbar, „ich fahr dann mal wieder nach Hause.“ „Ja“, sagt der andere, „danke, dass du rüber gekommen bist.“ „Lass dich mal bei uns blicken.“ „Na klar, mach ich.“
Und dann steigt jeder in seinen Wagen und fährt davon. Während ihre Frauen in den folgenden Jahren in Briefkontakt stehen, tauschen diese beiden Männer nie wieder ein Wort miteinander.
Mancher wird sich bei dieser Geschichte an den eigenen Vater oder andere (ältere?) Männer erinnert fühlen. Sicher lässt sich vieles zusammentragen, was dieses skizzierte Verhaltensmuster von Männern in seiner Entstehung erklärt. Trifft es jedoch zu, dass zur Alltagsbewältigung in unserer Gesellschaft zunehmend feminine Werte gefragt sind, stellt sich die Frage, wie erweitern Männer ihre kommunikativen Fähigkeiten, um mehr voneinander zu profitieren? Hier spielt die Freundschaft eine bedeutende Rolle. Ein Gegenüber, das an meiner persönlichen Entwicklung interessiert ist. ●
Entsprechend werden wir dieses Thema im Teil 2, in der nächsten Ausgabe von papaextra, eingehender betrachten.
Vielleicht haben Sie zwischenzeitlich Lust, dieser Geschichte einen anderen Verlauf zu geben.
Was hätten die beiden Männer tun können, um das, was über Jahrzehnte an treuer Verbundenheit zwischen ihnen gewachsen ist, nicht auf diese Weise veröden zu lassen. Ein Abschiedsritual? Jedes Jahr wenigstens ein gemeinsam verbrachtes Wochenende? Oder ist diese Verbundenheit vielleicht gar nicht verödet?
Wenn Sie uns ein paar Gedanken dazu mitteilen möchten, freuen wir uns!
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